Die Texte

Die Rose, die im Beton wuchs: Tupac als Dichter

Von Selim Rochat · 8. Juli 2026 · 4 Min. Lesezeit

Dieses Buch habe ich durch Zufall entdeckt, 2001, in einer englischsprachigen Buchhandlung in Genf. Ein schmaler Band mit einer Rose auf dem Umschlag und einem Namen, den ich auswendig zu kennen glaubte. Ich schlug es auf und erwartete Rap auf Papier. Ich fand etwas anderes. Einen Teenager, der Liebesgedichte schrieb, Briefe an Freunde, Texte über seine Mutter. Fünfundzwanzig Jahre später ist es immer noch das Buch, das ich am häufigsten verleihe.

Ein Band aus der Zeit vor dem Ruhm

The Rose That Grew from Concrete erscheint 1999, drei Jahre nach Tupacs Tod. Die Texte aber sind viel älter: Gedichte, geschrieben zwischen 1989 und 1991, als Tupac siebzehn bis zwanzig war, vor seinem ersten Album. Handschriftliche Hefte, von seinem engsten Umfeld aufbewahrt, die seine Mutter Afeni Shakur unverändert veröffentlichen ließ, mit den Faksimiles der Originalseiten neben dem gedruckten Text. Man sieht die schräge Schrift, die Streichungen, die kleinen Zeichnungen am Rand. Diese Aufmachung ändert alles: Man liest kein inszeniertes posthumes Werk, man liest die Hefte eines sehr jungen Mannes.

Für deutsche Leser führt der Weg am besten über das englische Original. Das ist weniger eine Hürde, als es klingt: Tupacs Englisch ist einfach, direkt, ohne Manierismen, und wer will, hat mit den Faksimiles die Handschrift gleich daneben. Jede Buchhandlung findet oder bestellt die amerikanische Ausgabe ohne Mühe.

Die Rose, der Beton

Das Titelgedicht besteht aus wenigen Zeilen und ruht auf einem einzigen Bild, das ich paraphrasiere: eine Rose, die es schafft, durch einen Riss im Beton zu wachsen, und von der niemand Rechenschaft über ihre beschädigten Blütenblätter verlangt, weil das Wunder schon darin liegt, dass sie überhaupt gewachsen ist. Diese Metapher wird Tupac sein Leben lang wieder aufgreifen, im Interview wie im Song, wenn er über die Kinder der amerikanischen Ghettos spricht. Man richtet nicht über die Form der Blume, man verneigt sich vor ihrer Zähigkeit. Das ist, in einem Bild, sein ganzes künstlerisches Projekt.

Der Rest des Bandes überrascht durch seine Zartheit. Viele Liebesgedichte, an reale Mädchen gerichtet, unbeholfen und aufrichtig, wie man es mit achtzehn ist. Trauertexte, Hommagen, darunter eine an Vincent van Gogh, die Figur des verkannten Genies, die ihn faszinierte. Und dann die politischen Gedichte, in denen das direkte Erbe von Afeni Shakur zu hören ist, der Black-Panther-Aktivistin, die ihren Sohn im Bewusstsein der schwarzen amerikanischen Geschichte erzogen hat. Das Gefängnis, die Armut, Mandela, das uneingelöste Versprechen Amerikas: Das ganze spätere Repertoire ist schon da, nur ohne die Bässe.

Die Gedichte lesen, die Alben hören

Der Band liest sich sehr gut für sich allein. Noch besser liest er sich neben den Platten. Die Gedichte von 1989 bis 1991 erhellen zuerst Me Against the World, das introspektivste Album, das, auf dem Dichter und Rapper fast verschmelzen. Die politische Ader der Hefte führt geradewegs zu den Stücken über die Mütter und die Kinder der Viertel. Selbst das Makaveli-Album, das dunkelste, gewinnt nach dieser Lektüre: Man erkennt darin den Leser wieder, den, der sein Pseudonym bei Machiavelli borgte und die Gefängnisbibliotheken verschlang.

Mein praktischer Rat: Lies drei, vier Gedichte, hör dann ein Album, kehr dann zum Buch zurück. Im Hin und Her tritt die Kontinuität hervor. Tupac ist nicht nachträglich zum Schriftsteller geworden, durch die Gnade eines posthumen Marketings. Er schrieb vorher, er hat immer geschrieben, und der Rap war das mächtigste Vehikel eines Schreibens, das es längst gab.

Zum Weiterlesen: die Referenzbücher

Die Literatur über Tupac ist von schwankender Qualität, also sortieren wir.

Auf Englisch stechen zwei Titel heraus. Tupac Shakur: The Authorized Biography von Staci Robinson (2023) ist die vom Nachlass autorisierte Biografie, gespeist aus Familienarchiven und den Heften; sie begleitet Allen Hughes’ Dokumentarfilm Dear Mama, über den ich in meinem Guide zu den posthumen Alben schreibe. Holler If You Hear Me von Michael Eric Dyson (2001) ist weniger Biografie als Essay darüber, wofür Tupac steht; brillant, mitunter anfechtbar, immer anregend.

Es gibt außerdem Interviewsammlungen, darunter Tupac: Resurrection, entstanden aus dem Dokumentarfilm von 2003, gebaut aus seinen eigenen Worten. Vorsicht dagegen bei der Masse an Sensationsbüchern über seinen Tod: Dort ersetzen Theorien allzu oft die Quellen, und aus diesem Regal empfehle ich lieber gar nichts.

Auf Deutsch ist das Angebot schmaler. Es kursieren Biografien und Essays von wechselnder Qualität; prüf das Erscheinungsdatum und die zitierten Quellen vor dem Kauf, die besten neueren Arbeiten stützen sich auf die seit Dear Mama geöffneten Archive. Und wenn du nur ein einziges Buch besitzen willst, dann den Gedichtband. Er ist der einzige, in dem seine Stimme ohne Mittler zu hören ist, die von vor den Prozessen, vor Death Row, vor der Legende. Ein Neunzehnjähriger, ein Stift, und schon alles.

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